Der nächste Bus nach Luhansk Zwei neue Ausstellungen der GfZK thematisieren die jüngere Geschichte

Eine junge Frau fragt in Kiew nach, wann der nächste Bus nach Luhansk fährt. Als sie dann den angeblich richtigen Schalter gefunden hat, wird sie von der Angestellten zunächst entgeistert angesehen, dann schließt diese wortlos das Fenster. Was wie die Szene aus einem Buñuel-Film wirkt, ist Alltag in der heutigen Ukraine und Ausschnitt aus dem im Kollektiv um Artur Žmijewski enstandenen Streifen „Der Krieg in Kiew“. Direkte Kriegshandlungen sind in dem Video nicht zu sehen, stattdessen mehr oder weniger verzweifelte Versuche, das Land immer noch als Einheit zu betrachten.

Miron Zownir: Bachtschyssaraj, 2013. Bildquelle: GfZK

Miron Zownir: Bachtschyssaraj, 2013. Bildquelle: GfZK

Der Ausstellungstitel, bezogen auf den Filmemacher Oleg Sentsov, ist doppeldeutig. Mit der „Camera“ ist zunächst sein bevorzugtes Arbeitsmittel gemeint, zugleich aber auch der geschlossene Raum. Sentsov wurde 2014 in seiner Heimat, der Krim, vom russischen Geheimdienst entführt und in einem Schauprozess wegen angeblicher Organisation einer terroristischen Gruppe zu zwanzig Jahren Strafkolonie verurteilt.

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Zwischen den Zeiten Die Diplomausstellung der HGB markiert nicht allein das Ende dieses Studienjahres

Ein Diplom zu verteidigen ist eine ernste und anstrengende Sache. Mit dem traditionellen Sommerfest der HGB, in dessen Vorfeld die begehrten Abschlusszeugnisse vergeben werden, löst sich die Anspannung. Sekt und Musik sind für einen Abend mindestens genau so wichtig wie die hehre Kunst. Da kann auch mal ein malender Professor wie Tilo Baumgärtel als DJ sein Multitalent beweisen.

Dennoch ist das Ereignis in diesem Jahr etwas anders, auch wenn das für Außenstehende kaum auffällt. Es ist die Periode des Interim. Rektorin Ana Dimke ist im April gegangen, die Wahl einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers ist noch nicht in Sichtweite. Alle Arbeiten der jetzigen 38 Diplomanden sind in der Ära Dimke entstanden. Daraus abzuleiten, die Ausstellung sei ein Spiegelbild des gegenwärtigen Zustandes der Hochschule, wäre aber ein grober Trugschluss. Wer wann seinen Abschluss macht, hängt von mehreren Faktoren ab. So fehlen Fachbereiche wie Typografie, Illustration oder Systemdesign diesmal völlig, auch andere Relationen stimmen nicht mit dem Hochschulalltag überein.

Foto: Jana Slaby

Foto: Jana Slaby

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Lehrzeit, Lebenszeit, Belichtungszeit Andenken im Mdbk, Nachfolge in der Kunsthalle – zwei Ausstellungen ehren Ursula Arnold, Arno Fischer und Evelyn Richter

Jungs trotten mit Fußballfahnen die vernebelte Haydnstraße im Leipziger Musikviertel entlang Es ist eines der bekanntesten Bilder Evelyn Richters, aufgenommen 1976. Wahrscheinlich wird es immer wieder reproduziert, weil es so charakteristisch für die Sichtweise der Fotografin ist.

Der Titel der Ausstellung „Gehaltene Zeit“ klingt nostalgisch. Doch es muss sich nicht um ein Festhalten von Zuständen handeln, die so ideal nicht waren. Man kann es auch als ein Aushalten verstehen. Nostalgie ist also kaum dabei, dafür aber viel Melancholie. Und ab und zu der ebenso unvermeidliche wie unfreiwillige Humor, der aus der Diskrepanz von Anspruch und Realität im DDR-Alltag resultierte. So sind auf einem Foto Arno Fischers bei Feiern zum 1. Mai zwischen Reihen Uniformierter Stapel von Bierkästen zu erkennen.

Ursula Arnold: Zeitungsfrau, Leipzig 1956, Bildquelle: MdbK

Ursula Arnold: Zeitungsfrau, Leipzig 1956, Bildquelle: MdbK

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Impressionen vom vorläufigen Weltende Für zehn Tage wird Leipzig mit dem Festival f/stop zum Fokus internationaler Fotografie

NOW steht in riesigen Lettern auf eine Stellwand der Werkschauhalle geschrieben. Jetzt. Das Festival f/stop will 2016 so aktuell wie nur möglich sein. Täglich werden Titelseiten deutscher und internationaler Zeitungen frisch auf diese Wand geklebt. Am Tag der Eröffnung müssten das eigentlich Schlagzeilen über das Ja der Briten zum Brexit sein. Doch da wird das Dilemma der Aktualität sofort sichtbar. Die Printmedien konnten das Ergebnis noch nicht kennen.

Der Begriff der erweiterten Reportage ist Thema der diesjährigen Ausgabe des Fotofestivals. Als Gastkuratoren wurden dafür Anne König und Jan Wenzel eingeladen. Es sind keine Reportagen über verlockende Urlaubsziele, glückliche Biobauern oder quirlige Szenequartiere. Die Brennpunkte der gerade zerbröselnden Welt stehen im Vordergrund sowie deren mediale Wiedergabe. Angenehm ist das nicht, soll es nicht sein.

© Bettina Lockemann, aus der Serie: Etat d’Urgence, 2015

© Bettina Lockemann, aus der Serie: Etat d’Urgence, 2015

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Wiederholungstäter im Staatsauftrag

Darauf ist Verlass. Jedes Jahr im Juni wählt eine Expertenkommission für die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen zwanzig bis dreißig Werke aus, die dann in den Besitz des Landes gehen. 25 Namen von 37 Nominierten sind es diesmal, von denen Arbeiten angekauft werden. 172.000 Euro gibt der Freistaat dafür aus.

Anders ist aber der Ort der Präsentation. Im neuen White Cube muss Kurator Michael Arzt mit deutlich weniger Platz auskommen als in den Jahren zuvor im weiträumigen Obergeschoss. Zur ausgleichenden Gerechtigkeit wurde die Ausstellungsdauer auf drei Wochen gestreckt.

Falk Haberkorn, Goldrausch (Ostdeutschlandreise 3989), 2005, Bildquelle: KdFS

Falk Haberkorn, Goldrausch (Ostdeutschlandreise 3989), 2005, Bildquelle: KdFS

Abgesehen von der schwach vertretenen Videokunst scheint die Jury Wert auf eine ausgewogene Mischung der Sparten gelegt zu haben. Etwas Malerei, ziemlich viel Fotografie, ein paar räumliche Arbeiten. Regional ist die Streuung konzentrierter. Außer Dresden und Leipzig ist da kaum eine Adresse zu finden, auch wenn Carsten Nicolai in Chemnitz immer noch als „einer von uns“ angesehen wird. Nicolai ist auch in anderer Hinsicht eine Ausnahme. Den fördernde Wirkung, die bei den jährlichen Einkäufen eigentlich im Vordergrund steht, hat der international bekannte Künstler, von dem mehrere filigrane Zeichnungen erworben wurden, schon lange nicht mehr nötig. Damit werde aber seine Anregerfunktion für den Nachwuchs gewürdigt, sagt Manuel Frey von der Kulturstiftung. Weiterlesen

Hokuspokus Das Kunstkraftwerk feiert die offizielle Eröffnung mit einer Illusionen-Schau

Wie geht das? Seit fast zwei Jahren sind im Kunstkraftwerk an der Saalfelder Straße Ausstellungen zu sehen, es finden Performances, Konzerte und Theateraufführungen statt. Doch eröffnet wird die Institution erst am morgigen Sonnabend.

Die Erklärung ist eigentlich simpel. Einerseits dauern manche bürokratischen Prozesse länger als erwartet, andererseits sind die zuerst für den provisorischen Betrieb genutzten Säle nur ein kleiner Teil der Anlage. Nach den nötigen Sanierungsarbeiten kann nun das gesamte Kunstkraftwerk ans Netz gehen.

Weniger einfach sind die Erklärungen, wie manche der Exponate in der Eröffnungsausstellung funktionieren. „Illusion. Nothing is as it seems“ nennt sie sich. Auf 400 Quadratmetern sind Arbeiten von 21 Künstlern oder Teams zu erleben. Das ist in diesem Zusammenhang das richtige Verb, denn Vieles kann man nicht nur sehen, es geht um Interaktion.

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Studenten übernehmen Eine etwas eigenartige Ausstellungspolitik an der HGB

Ungewöhnlich ist es schon, wenn 18.46 Uhr eine Pressemitteilung eintrifft, dass 19.00 Uhr des gleichen Tages eine Ausstellung eröffnet wird. Wenn dann die Überschrift heißt Studierende übernehmen die Galerie der HGB wird es noch seltsamer. Not Really Made ist der offizielle Titel der zweiteiligen Aktion.

Eigentlich war ja vor einem Jahr schon einmal der Versuch gestartet worden, die Galerie für studentische Projekte zu öffnen. Resonanz und Erfolg hielten sich in Grenzen. Über Gründe lässt sich spekulieren. Vielleicht ziehen es viele Studierende vor, in irgendwelchen leerstehenden Immobilien auf eigene Faust einen temporären Off Space zu eröffnen als unter Aufsicht der Hochschulleitung. Statt einer Neuausschreibung der Stelle übernahm dann Prorektor Ralf F. Hartmann selbst die Funktion der Galerieleitung. Die drei (?) bisherigen Ausstellungen unter seiner Ägide waren durchweg Nachnutzungen, vor allem vom Kunstkraftwerk Cottbus. Sonderlich dynamisch ist so ein Konzept nicht gerade.

Nun übernehmen also wieder die Studenten, offenbar mit einer ganz spontanen Besetzung der Räumlichkeit. Wirklich? Dann wäre die sehr späte Pressemitteilung wohl kaum von der offiziell Beauftragten der Öffentlichkeitsarbeit an der HGB in die Welt gesetzt worden. Seltsam.

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Teures Tafelsilber, schicke Geschenke Finnisches Design und Ankäufe des Freundeskreises in zwei neuen Sonderausstellungen des Grassi

Außerhalb von Expertenkreisen mag man in Deutschland mit dem Namen Tapio Wirkkala eher Skisportveranstaltungen assoziieren. Doch in Finnland gehört er zu den ganz Großen des Designs. Hinzu kommt, dass dort, wie die Kuratorin Uta Laurén betont, dieser Berufsstand im öffentlichen Bewusstsein ein höheres Ansehen hat als Maler und Grafiker.

Wirkkala, der von 1915 bis 1985 lebte, war allerdings beides. In Helsinki hat er in den 1930er Jahren Bildhauerei studiert. Zeichnen, Modellieren und Schnitzen gehörten zeitlebens zu seinen bevorzugten Arbeitstechniken. Andererseits entwarf er Gebrauchsgegenstände vom Trinkbecher bis zum Kühlschrank für die Großserie. Weiterlesen

Dokumente aus einer ziemlich breiten Nische Harald Kirschner hat kirchliches Leben in der DDR fotografiert

Für westdeutsch Sozialisierte müssen diese Fotos eine Überraschung sein. So bekennt Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt, dass er beim ersten Betrachten meinte: Das kann doch nicht sein! Aber auch für viele ehemalige DDR-Bürger ist es sicherlich eine Auffüllung von Gedächtnislücken.

Kirchen diverser Konfessionen wurden im offiziell atheistischen Arbeiter- und Bauernstaat nicht gerade geliebt und gefördert, doch es gab sie. Manchmal, wie zum Luther-Jahr 1983, nutzte die Partei- und Staatsführung religiöse Ereignisse sogar für eigene Zwecke aus. Oder sie ließ eben die Nische zu.

Harald Kirschner: Grundsteinlegung des katholischen Gemeindezentrums St. Martin, Leipzig-Grünau, 1983. Bildquelle: MdbK

Harald Kirschner: Grundsteinlegung des katholischen Gemeindezentrums St. Martin, Leipzig-Grünau, 1983. Bildquelle: MdbK

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Plätschern in dunkler Galle Kaum Heilungschancen von der kapitalistischen Melancholie diagnostiziert Halle 14

Bei Dürer hat die Melancholie noch nichts Depressives an sich. Gedankenversunken sitzt der Engel inmitten von Symbolen wissenschaftlichen, handwerklichen oder künstlerischen Schöpfertums, einen Zirkel haltend. Ein halbes Jahrtausend ist seit der Renaissance vergangen, die nicht nur in der Kunst, mehr noch in der Ökonomie einen epochalen Wandel darstellte. Der Geist der Rationalisierung kam zur Welt. Heute erweist sich die dem Begriff zugrunde liegende Ratio, die Vernunft, unübersehbar als das genaue Gegenteil.

Die Capitalist Melancolia des 21. Jahrhunderts, die in der neuen Ausstellung der Halle 14 thematisiert wird, hat krankhafte Züge. Es wird eine allumfassende gesellschaftliche Erschöpfung beschworen. Das Prinzip Hoffnung des Leipziger Philosophie-Professors Ernst Bloch scheint erstmals in der Menschheitsgeschichte nicht mehr zu gelten.

Installation von CHTO

Installation von CHTO

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