Zwischen den Zeiten Die Diplomausstellung der HGB markiert nicht allein das Ende dieses Studienjahres

Ein Diplom zu verteidigen ist eine ernste und anstrengende Sache. Mit dem traditionellen Sommerfest der HGB, in dessen Vorfeld die begehrten Abschlusszeugnisse vergeben werden, löst sich die Anspannung. Sekt und Musik sind für einen Abend mindestens genau so wichtig wie die hehre Kunst. Da kann auch mal ein malender Professor wie Tilo Baumgärtel als DJ sein Multitalent beweisen.

Dennoch ist das Ereignis in diesem Jahr etwas anders, auch wenn das für Außenstehende kaum auffällt. Es ist die Periode des Interim. Rektorin Ana Dimke ist im April gegangen, die Wahl einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers ist noch nicht in Sichtweite. Alle Arbeiten der jetzigen 38 Diplomanden sind in der Ära Dimke entstanden. Daraus abzuleiten, die Ausstellung sei ein Spiegelbild des gegenwärtigen Zustandes der Hochschule, wäre aber ein grober Trugschluss. Wer wann seinen Abschluss macht, hängt von mehreren Faktoren ab. So fehlen Fachbereiche wie Typografie, Illustration oder Systemdesign diesmal völlig, auch andere Relationen stimmen nicht mit dem Hochschulalltag überein.

Foto: Jana Slaby

Foto: Jana Slaby

Von Girls Power ist auf den langen Transparenten zu lesen, die im Lichthof unter einem Himmel aus rosa Luftballons herabhängen. Auch das entspricht nicht ganz der Realität. Kaum ein Drittel der Protagonisten ist weiblich. Eine der starken Positionen dieses Jahrganges, dabei auch eine der wenigen mit politischen Konnotationen, ist aber die von Deborah Jeromin. Sie hat ein Stück Leipziger Geschichte aufgearbeitet. Historischen Dokumenten zur Seidenraupenzucht in einer Lindenauer Gartensparte um 1940 zwecks kriegswichtiger Fallschirmproduktion stellt sie Interviews mit Frauen auf Kreta gegenüber, die noch wissen, was mit dem Material der deutschen Luftlandetruppen später geschah.

Solche Theorielastigkeit ist nicht gerade typisch für den Diplomjahrgang 2016. Da kann es auch vorkommen, dass Sten Gutglück erklärt, sein Tempera-Gemälde sei einfach aus Resten vorheriger Stillleben zusammengesetzt. „Ich fange einfach an, es entwickelt sich dann.“ Dabei ist gerade dieses Bild in seiner altmeisterlichen Machart exemplarisch für eine sich sanft abzeichnende Tendenz zu wachsendem Traditionsbewusstsein. Tradition heißt dabei nicht zwangsläufig, dass der Staub von Jahrhundert darüber liegt. Die Darstellungen von Tätowierungen hat Viktor Rosin erinnern an figürliche Strömungen der 1920er Jahre. Zwei Gemälde von Franziska Franz sind zwischen Impressionismus und Symbolismus angesiedelt. Die großformatigen grauen Tafeln von Adrian Lukas Kowalski scheinen zunächst der Farbfeldmalerei nahe zu stehen, verbergen aber Recherchen zu seiner Familiengeschichte. Kaum kleiner sind die vier Bildteile von Jonathan Kraus, die zusammen „Big Pattern“ ergeben. Vor einer Kachelwand bereiten sich hippe Jugendliche auf ihre Inszenierung vor.

Das Problem solch einer Diplomausstellung ist, häufig nur Ausschnitte aus komplexen Arbeiten zeigen zu können. Gerade bei umfangreichen Fotoserien wie „Adventures in Your Own Backyard“ von Florian Wenzel muss das als willkürliche Beschneidung wirken. Zwar gibt es etliche Satelliten in Galerien und Off Spaces, diese zu erwandern macht aber Mühe. Leider wird auch vor Ort in der HGB sparsam mit Handreichungen zum Verständnis umgegangen. Manches erklärt sich eben nicht von selbst. So muss das einer Sitzbank ähnelnde Objekt in Rosa von Ernst Sylvester zunächst banal wirken. Weiß man aber, dass es sich um den Silikonabguss einer solchen Bank aus Marmor in Athen handelt, erkennt man Einschreibungen der Nutzung.

Arbeiten, bei denen man sich fragt, wozu mehrere Jahre Hochschulstudium dafür nötig sind, finden sich diesmal nicht. Selbst Installationen wie die von Jaejong Choi oder die Miniskuplturen aus Alltagsgegenständen von Karl-Heinz Bernhard zeigen eine ausreichende Stufe der Reflexion. Die Professionalität beschränkt sich allerdings häufig auf ästhetische Effekte. Exemplarisch dafür sind die Fotografien von Wenzel Stählin. Den kühlen, technischen Oberflächen seines Arbeitszimmers setzt er die vergängliche Farbigkeit von Obst entgegen. Schön, aber nicht gerade tiefschürfend. Wobei man aber das Bekenntnis zur Schönheit bei diesen wie etlichen anderen Werken auch schon wieder als kleine Umwälzung werten kann.

Auch wenn die Diplomausstellung mit ihren vielen Zufälligkeiten nicht die Leipziger Akademie des Jahres 2016 repräsentiert, ist sie in ihrer Unentschiedenheit dennoch ein kleines bisschen symptomatisch für die Zeit des Interregnums.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung)

Diplomausstellung 2016
Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Wächrterstraße 11
bis 13. August, Di-Fr 14-18 Uhr

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