Lehrzeit, Lebenszeit, Belichtungszeit Andenken im Mdbk, Nachfolge in der Kunsthalle – zwei Ausstellungen ehren Ursula Arnold, Arno Fischer und Evelyn Richter

Jungs trotten mit Fußballfahnen die vernebelte Haydnstraße im Leipziger Musikviertel entlang Es ist eines der bekanntesten Bilder Evelyn Richters, aufgenommen 1976. Wahrscheinlich wird es immer wieder reproduziert, weil es so charakteristisch für die Sichtweise der Fotografin ist.

Der Titel der Ausstellung „Gehaltene Zeit“ klingt nostalgisch. Doch es muss sich nicht um ein Festhalten von Zuständen handeln, die so ideal nicht waren. Man kann es auch als ein Aushalten verstehen. Nostalgie ist also kaum dabei, dafür aber viel Melancholie. Und ab und zu der ebenso unvermeidliche wie unfreiwillige Humor, der aus der Diskrepanz von Anspruch und Realität im DDR-Alltag resultierte. So sind auf einem Foto Arno Fischers bei Feiern zum 1. Mai zwischen Reihen Uniformierter Stapel von Bierkästen zu erkennen.

Ursula Arnold: Zeitungsfrau, Leipzig 1956, Bildquelle: MdbK

Ursula Arnold: Zeitungsfrau, Leipzig 1956, Bildquelle: MdbK

Verbindend zwischen den drei Persönlichkeiten ist zunächst die persönliche Nähe. Evelyn Richter und Ursula Arnold waren seit dem Studium an der HGB eng befreundet. Arno Fischer lernte Fischer durch eine Ausstellung der Gruppe „action fotografie“ 1957 kennen und schätzen. In den Achtzigern hoben sie gemeinsam die Fotografieausbildung in Leipzig auf eine neue Ebene.

Zugleich gibt es auch formale Gemeinsamkeiten. Alle drei verweigerten sich der offiziellen Linie, wie der real existierende Sozialismus auch mit der Kamera zu propagieren sei. Andererseits waren sie keine Oppositionellen. Sie suchten nach der Menschlichkeit unter nicht optimalen Bedingungen und fanden sie, auch wenn die Dargestellten selbst in der Gruppe häufig etwas einsam wirken. Dass dies aber nicht allein an den Umständen vor Ort lag, zeigen Arno Fischers Bilder aus New York. Sein Bildband über die amerikanische Metropole gehörte zur begehrten „Bückware“ in der späten DDR, auch wenn er kein glänzendes Image des Goldenen Westens vorgaukelte.

Fischer ist der älteste der drei, geboren 1927. Frühe Aufnahmen von ihm zeigen Luftangriffe auf Berlin, seine Heimatstadt, der er immer treu blieb. Er war Autodidakt. Evelyn Richter, Jahrgang 1930, und Ursula Arnold, Jahrgang 1929, hingegen machten eine Fotografenlehre und studierten anschließend. 1955 bekam Arnold ihr Diplom an der HGB, Richter hingegen wurde exmatrikuliert. Dennoch begann eine erfolgreiceh Freiberuflichkeit, während Arnold bald Kamerafrau beim Fernsehn wurde und nur noch privat fotografierte.

Ein Anlass für die großangelegte Ausstellung im Untergeschoss des Museums ist das 20-jährige Jubiläum der Ostdeutschen Sparkassenstiftung. 2009 hatte die Stiftung das Archiv Evelyn Richters erworben und dem MdbK anvertraut. Das Archiv Ursula Arnolds kam hinzu. Ob auch der Nachlass des 2011 verstorbenen Arno Fischer nach Leipzig kommt, lässt Patricia Werner als Vertreterin der Stiftung mit diplomatischem Schweigen im Raum stehen.

Jeannette Stoschek als Kuratorin betont, dass die kontiuierliche Arbeit mit den Archivbeständen wesentlicher Bestandteil der Präsentation ist. Also stehen im zentralen Saal lange Vitrinen mit Originalabzügen, teils mehr als 60 Jahre alt. Tabellen an den Wänden informieren über das Arbeitsleben der drei Protagonisten. Auch die anderen Räume machen mit den kleinformatigen Bildern, durchweg in Schwarzweiß, einen ausgesprochen ruhigen, unaufgeregten Eindruck. Die Werkgruppen sind sachlich nach Motiven wie Landschaft und Porträt oder nach Orten sortiert: Berlin, Moskau, Warschau, New York …

Für die Leipziger sind besonders die Ansichten von Interesse, die man immer noch verorten kann, die aber so weit zurück zu liegen scheinen. Grimmaische Straße, Markt oder Neumarkt erkennt man oder liest es staunend an den Unterschriften. Doch das sind nur Hintergründe für die Menschen, für die sich die drei Fotografen besonders interessieren. Eines der bekanntesten Bilder Ursula Arnolds ist das einer alten Zeitungsverkäuferin, die sich über den Stock gebeugt die Treppe einer Unterführung am Hauptbahnhof hinaufquält.

Mit dem Porträt im engeren Sinne haben sich Evelyn Richter und Arno Fischer intensiv beschäftigt. Über den russischen Geiger David Oistrach hat Richter ein ganzes Buch gemacht. Neben berühmten Kollegen wie Strawalde oder Werner Tübke sind es aber immer wieder auch Arbeiterinnen oder Kinder, die sie in ihrer Individualität erfasst.

Mit der Museumsausstellung korrespondiert eine weitere in der Kunsthalle der Sparkasse. „Die Lehre“ – diese Überschrift spricht für sich. Von 1983 bis 1993 war Fischer an der HGB tätig, Richter von 1981 bis 2001. Beide, der Autodidakt wie auch die Rausgeworfene, bekamen rückwirkend ein Diplom verliehen. Zwanzig Absolventen dieser Lehrtätigkeit werden in der Kunsthalle vorgestellt. Mit Tina Bara, heute Professorin an der Hochschule, besteht sogar eine gewisse Kontinuität.

Vor allem aber kann man überprüfen, ob Fischer und Richter schulbildend gewirkt haben. Auch wenn nun gerade Bara mit ihren Nahansichten menschlicher Körperteile eine Ausnahme zu sein scheint, kann man das bejahen. Bei der Mehrheit der Schüler überwiegt die Herangehensweise, Dokumentation zu einer Kunstform zu erheben. Sie sind ganz dicht dran am täglichen Leben, ohne aber Vorlagen für die Abendnachrichten zu produzieren.

Sieghard Liebe: Evelyn Richer mit Studierenden, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB), o.J., Bildquelle : MdbK

Sieghard Liebe: Evelyn Richer mit Studierenden, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB), o.J., Bildquelle : MdbK

Christiane Eisler hat Punks und Insassen von Jugendwerkhöfen in den Achtzigern aufgenommen, Markus Hawlik mit Sinti und Roma in der DDR eine andere Gruppe außerhalb des offiziellen Fokus. Susanne Müller dokumentiert die Härten der Geburt, Klaus-Dieter Sonntag die kranker Kinder. Keine Fotografie im Auftrag der Schönheit, dennoch anspruchsvoll realisiert. Doch es finden sich auch andere Ansätze wie die sachlichen Architekturdarstellungen Bertram Kobers oder der Bericht über ein Dresdener Künstlerhaus. Von der heute an der HGB dominanten konzeptionellen Herangehensweise ist aber auch das weit entfernt.

Schade ist nur, dass diese Doppelausstellung, die zum Thema der erweiterten Reportage des gerade zu Ende gehenden Festivals f/stop gepasst hätte, nicht mit diesem zeitlich und marketingtechnisch koordiniert wurde. Für die Stadt wären vorherige Absprachen ein Gewinn gewesen.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung, Autor Jens Kassner)

Gehaltene Zeit. Ursula Arnold, Arno Fischer, Evelyn Richter
Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10
bis 3. Oktober, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr
Die Lehre. Arno Fischer, Evelyn Richter
Kunsthalle der Sparkasse, Otto-Schill-Straße 4a
bis 11. September, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

 

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *