Wiederholungstäter im Staatsauftrag

Darauf ist Verlass. Jedes Jahr im Juni wählt eine Expertenkommission für die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen zwanzig bis dreißig Werke aus, die dann in den Besitz des Landes gehen. 25 Namen von 37 Nominierten sind es diesmal, von denen Arbeiten angekauft werden. 172.000 Euro gibt der Freistaat dafür aus.

Anders ist aber der Ort der Präsentation. Im neuen White Cube muss Kurator Michael Arzt mit deutlich weniger Platz auskommen als in den Jahren zuvor im weiträumigen Obergeschoss. Zur ausgleichenden Gerechtigkeit wurde die Ausstellungsdauer auf drei Wochen gestreckt.

Falk Haberkorn, Goldrausch (Ostdeutschlandreise 3989), 2005, Bildquelle: KdFS

Falk Haberkorn, Goldrausch (Ostdeutschlandreise 3989), 2005, Bildquelle: KdFS

Abgesehen von der schwach vertretenen Videokunst scheint die Jury Wert auf eine ausgewogene Mischung der Sparten gelegt zu haben. Etwas Malerei, ziemlich viel Fotografie, ein paar räumliche Arbeiten. Regional ist die Streuung konzentrierter. Außer Dresden und Leipzig ist da kaum eine Adresse zu finden, auch wenn Carsten Nicolai in Chemnitz immer noch als „einer von uns“ angesehen wird. Nicolai ist auch in anderer Hinsicht eine Ausnahme. Den fördernde Wirkung, die bei den jährlichen Einkäufen eigentlich im Vordergrund steht, hat der international bekannte Künstler, von dem mehrere filigrane Zeichnungen erworben wurden, schon lange nicht mehr nötig. Damit werde aber seine Anregerfunktion für den Nachwuchs gewürdigt, sagt Manuel Frey von der Kulturstiftung.

Bei der Masse an sächsischen Künstlern kann man kritisieren, dass manche schon mehrfach in der Selektion waren und auch mit anderen Zuwendungen bedacht wurden. Dass solch eine Intensivbetreuung tatsächlich zu Entwicklungen führen kann, sieht man an den Bildern Bertram Haudes, die während eines Peking-Stipendiums der Stiftung entstanden. Er hat von der chinesischen Tradition Elemente übernommen. Fast könnte es tatsächlich eine herkömmliche Rolle mit einer überlangen Tuschezeichnung sein, die sich „Erster Schnee auf den Westbergen“ nennt. Es ist aber in Wirklichkeit die Abreibung einer Betonwand.

Bertram Haude_Frühling und Herbst, 2015, Bildquelle: KdFS

Bertram Haude_Frühling und Herbst, 2015, Bildquelle: KdFS

Die Kunst wird wieder politisch. Jedenfalls kann man das als eine Tendenz aus den diesjährigen Ankäufen herauslesen. Auffälligstes Beispiel dafür ist Manaf Halbounis „Al Kifah“. Der Syrer, der an der Dresdener Akademie studiert hat, zeigt das in Beton gegossene persische Symbol für Widerstand, Armierungseisen ragen wild heraus. Daneben ist als gegenpol ein Gemälde Sebastian Burgers platziert, das einen Typen mit Lederjacke und Schlaginstrument in der Hand zeigt. Mehr retrospektiv ist die Fotoserie von Sandra Schubert, die nach Wasserfahrzeugen von DDR-Flüchtlingen an der Ostsee recherchiert. Doch selbst die „Arbeit am Mythos“, eine Collage von Dresden-Bildern aus alten Publikationen von Luise Schröder oder Falk Haberkorns umfangreiche Dokumentation einer Reise durch Ostdeutschland kann man als Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse verstehen.

Sebastian Burger,Boi Y, 2015, Bildquelle: KdFS

Sebastian Burger,Boi Y, 2015, Bildquelle: KdFS

Dem stehen Arbeiten gegenüber, bei denen die ästhetische Wirkung alleiniger Gegenstand ist. So die sich selbst fortbewegende Werkzeugkiste von Maximilian Aschenbach. Oder – weniger verspielt – die geometrische Abstraktion von Selma van Panhuis sowie filigrane Strukturen von Andreas Kempe, deren Titel auf die Romantik verweisen.

Manuel Frey betont, dass die Ankäufe kein Spiegel der sächsischen Gegenwartskunst sein können. Tatsächlich müsste da viel mehr berücksichtigt werden. Eine repräsentative Schnittmenge kann die diesjährige Auswahl aber durchaus sein.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung, Autor Jens Kassner)

Win Win – Die Ankäufe der Kulturstiftung des Freeistaates Sachsen 2016
Halle 14, Spinnereistraße 7
bis 17. Juli, Di-So 11-18 Uhr

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