„Ich wollte immer nur geliebt werden“ Im Museum der bildenden Künste wurde mit Markus Lüpertz über seinen Beethoven gestritten

Er habe nie in seinem Leben provozieren wollen, betonte Markus Lüpertz mit Nachdruck bei der Podiumsdiskussion, die am Donnerstag seinem Beethoven-Denkmal vor dem Museumseingang gewidmet war. Sein Streben gehe ganz allein dahin, große Kunst zu schaffen. Doch er provoziert, ob er es nun wirklich nicht will oder vielleicht doch. Er provoziert mit seinen Arbeiten, speziell denen im öffentlichen Raum. Schon in Salzburg, Augsburg und Bamberg gab es Skandale um Skulpturen, die er geschaffen hatte, teils sogar mit gewaltsamen Aktionen und Entfernung der Werke. Und er provoziert mit seinem Auftreten. So gab er sich während der gesamten Diskussion auf eine Weise selbstbewusst, die man gern als Arroganz bezeichnen kann, die aber sicherlich auch ein Schutzschild gegen die Angriffe ist.

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Dass Kunst immer noch zu öffentlichen Auseinandersetzungen führen kann, ist schön, der Tonfall aber irritiert. Seit der Aufstellung der bemalten Bronze im Dezember vergangenen Jahres wird darüber heftig gestritten. Außer Leserbriefen und Online-Kommentaren von Menschen, die offensichtlich generelle Probleme mit zeitgenössischer Kunst haben ohne sie wirklich zu kennen, wurde in der LVZ im Januar ein Offener Brief von zwölf Leipziger Intellektuellen veröffentlicht, darunter Schriftsteller, Komponisten und Bildende Künstler, in dem es heißt: „Dem Dilettantismus wird gestattet, Genies auf das ihm zugängliche Mittelmaß herabzusetzen. Nach unserem Empfinden steht es der würdigen Stadt Leipzig, einer Stadt der Hochkultur, schlecht zu Gesicht, Unzumutbares sich zuzumuten.“

Keiner der Unterzeichner saß auf dem Podium. Der Maler Gerhard Kurt Müller hatte zwar zugesagt, ließ sich aber krankheitshalber durch den Dessauer Schriftsteller Manfred Jendryschik vertreten. Verstärkt wurde die Fraktion der Kritiker der Plastik durch den Galeristen Volker Zschäckel.

Von Dilettantismus und Unzumutbarem war hier nichts mehr zu hören. Fast schon versöhnlich klang Zschäckels Einlassung, er habe eigentlich nichts gegen die Arbeit, nur gegen den Standort und wünsche sich deshalb eine Platzierung in unmittelbarer Konfrontation zu Klingers Beethoven. Jendryschik bot sogar an, bei der Suche nach einem geeigneten Atelier für Lüpertz in Leipzig helfen zu wollen. Zu dessen Beethoven wie auch Balkenhols Wagner – für ihn wie die Schreiber des Offenen Briefes wohl qualitativ gleichzusetzen – bemerkte er aber, es seien „großartige anekdotische Ideen, die nicht lange halten werden.“ Schließlich schnitt er ein Thema an, das seit Aufstellung der Plastik spürbar in der Luft hängt, aber bisher nicht ausgesprochen wurde. Wieder einmal erhält ein Wessi, noch dazu so ein Großmaul, die Gelegenheit zur großzügigen Präsentation im Osten. So drückte er es nicht wörtlich aus. Doch die Ergänzung, dass dieses gastgebende Museum wie auch die Akademie der Stadt nach glorreichen Zeiten seit 25 Jahren wegen westlicher Übernahme von Niedergang gekennzeichnet seien, verdeutlichte die Stoßrichtung.

Mit mäßigem Erfolg bemühte sich der Essener Kunsthistoriker Raimund Stecker, der in einem vorausgehenden Vortrag das Schaffen Lüpertz´ in die Traditionslinie europäischer Bildhauerei eingeordnet hatte, die Argumentation wieder auf eine rein ästhetische Betrachtungsweise zu bringen. Als ein Besucher des gut gefüllten Saales dann energisch rief, das alles habe nichts mit dem Thema zu tun, erlebte man für ein paar Sekunden, dass der bisher sich so jovial gebende Lüpertz auch zuschlagen kann. Da er das nicht immer nur verbal tut, bat der direkt neben ihm sitzende Manfred Jendryschik um Schonung seiner teuren Zahnimplantate.

Nach Öffnung der Diskussion für das Publikum gab es zwar mehrere Wortmeldungen, die nicht allein Toleranz einforderten, sondern Markus Lüpertz in Leipzig willkommen hießen. Doch ein sich als Manfred Hoffmann vorstellender Gast konterkarierte das einigermaßen diplomatische Geplänkel des Podiums, um als Interessenvertreter aller Leipziger Bürger die Entfernung dieses Widerwillen und Ablehnung hervorrufenden Werkes zu fordern.

Die Veranstaltung dürfte nur unwesentlich dazu beigetragen haben, Gräben zuzuschütten. Die nächste Gelegenheit dazu steht aber bevor. Im kommenden Winter wird Markus Lüpertz im Museum nicht nur ausstellen, sondern dieses in ein temporäres Atelier verwandeln.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung)

Hier noch ein persönlicher Nachtrag.

Ein Gedanke zu “„Ich wollte immer nur geliebt werden“ Im Museum der bildenden Künste wurde mit Markus Lüpertz über seinen Beethoven gestritten

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