Teures Tafelsilber, schicke Geschenke Finnisches Design und Ankäufe des Freundeskreises in zwei neuen Sonderausstellungen des Grassi

Außerhalb von Expertenkreisen mag man in Deutschland mit dem Namen Tapio Wirkkala eher Skisportveranstaltungen assoziieren. Doch in Finnland gehört er zu den ganz Großen des Designs. Hinzu kommt, dass dort, wie die Kuratorin Uta Laurén betont, dieser Berufsstand im öffentlichen Bewusstsein ein höheres Ansehen hat als Maler und Grafiker.

Wirkkala, der von 1915 bis 1985 lebte, war allerdings beides. In Helsinki hat er in den 1930er Jahren Bildhauerei studiert. Zeichnen, Modellieren und Schnitzen gehörten zeitlebens zu seinen bevorzugten Arbeitstechniken. Andererseits entwarf er Gebrauchsgegenstände vom Trinkbecher bis zum Kühlschrank für die Großserie.

Beim Stichwort skandinavische Produktgestaltung liegen bestimmte Vorstellungen nahe. Kühle Rationalität trifft auf verfeinerte Eleganz. Kaum in einer anderen Region der Erde wurde die Klassische Moderne im Design so konsequent durchgezogen und damit massenwirksam, wie heute noch der weltweite Erfolg eines schwedischen Möbelhauses beweist.

Etliche Klischees sind in der Ausstellung wiederzufinden. Ein mit verschneitem Birkenwald tapezierter Kubus dient museumspädagogischen Angeboten. Im Inneren sieht es aus wie in einer Koje eben jenes Möbelhauses. Die nordische Natur spielt eine tragende Rolle. Eis, Mitternachtssonne, unendliche Wälder, wilde Tiere – das ist alles zu finden. Dazu passt, dass zu Wirkkalas populärsten Entwürfen eine Wodkaflasche gehörte.

Diese ist aber in der Ausstellung ebenso wenig zu sehen wie andere Industrieprodukte. Abgesehen von einigen Bestecken, die extra für Leipzig in die vom Finnischen Glasmuseum Riihimaki übernommene Ausstellung eingefügt wurden, geht es ausschließlich um Glas- und Metallobjekte, die Unikat-Charakter haben. Es wird also nur eine kleine, wenn auch bezeichnende Facette aus dem ebenso vielfältigen wie produktiven Werk Tapio Wirkkalas gezeigt.

So fehlen denn auch Entwürfe für die deutsche Firma Rosenthal, im Fokus stehen Arbeiten für die Unternehmen Iittala für Glas und Kultakeskus Oy für Silber, abgerundet durch Fotografien finnischer Landschaften von der aus Leipzig stammenden Annett Pée sowie Produktfotos von Hans Hansen.

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Als „geradezu mythische Gestalt“ bezeichnet Museumsdirektor Olaf Thormann den finnischen Künstler und Designer. In die Natur seiner Heimat ist er regelrecht eingetaucht. Tagelang zog er sich in eine Hütte zurück, um zu zeichnen und schnitzen oder auch zum Eisangeln. Organische Formen bis hin zu einer Vogelskulptur finden sich deshalb ebenso wie kristalline Kanten. In technischer Hinsicht aber war Wirkkala ein ewiger Experimentator. Er entwickelte immer wieder neue Verfahren zum Gießen, Schleifen oder Gravieren. Besonders verblüffen die Objekte, bei denen ein feuchter Holzstab in die flüssige Glasmasse gesteckt wurde.

Typisch skandinavisch sind die Objekte durchaus. Dennoch unterscheiden sie sich zumindest die für die Ausstellung ausgewählten Exponate deutlich von der klaren Nützlichkeit, die sonst mit diesem Etikett verbunden wird. Sie sind viel poetischer und häufig regelrecht verspielt, verbreiten dabei aber auch die Aura des Exklusiven. Sie sind klar einer bestimmten Periode zuzuordnen, während viele der nordischen Serienprodukte ewige Gültigkeit zu besitzen scheinen.

Die zweite Ausstellung, die am 1. Juni eröffnet wird, hat einige Berührungspunkte zu Wirkkalas Schaffen, wirkt aber frischer und abwechslungsreicher. Schenkungen sind für ein Museum mit bescheidenem Ankaufsetat immer wichtig. Wenn es einen Freundeskreis gibt, der regelmäßig und mit dem Blick auf die Bestandsentwicklung gezielt Ankäufe tätigt, ist das noch besser. Die Schau mit ausgewählten Objekten, von denen viele zwischen 1997 und 2015 bei der wiederbelebten Grassimesse erworben wurden, ist eine Danksagung an die Mitglieder des Freundeskreises zu dessen 25. Geburtstag. Symbolisch steht deshalb ein Gabentisch in der Mitte der Orangerie. Manche Dinge darf man sogar anfassen oder benutzen, so die „Museumsbank“ von Hermann Becker.

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Zahlenmäßig überwiegen Keramik und Schmuck. Andere Sparten wie Holz, Metall, Textilien und Mode sind eher punktuell präsent. Raumgreifend aber ist gleich am Eingang eine eigenartige Installation aus Holz von Malte Westphalen mit dem provokanten Titel „Die im Design ignorierten Dinge“. Finanziert wurde es von der Agentur Culturtraeger, die seit Jahren den Erwerb von Nachwuchsarbeiten unterstützt.

Obwohl sich in der Ausstellung viele edle Materialien und solide handwerkliche Verarbeitung finden, sind es die ungewöhnlichen Ideen, die auffallen. Zum Beispiel wenn ein Topfschwamm zum Kleidungsaccessoire wird wie bei Schnuppe von Gwinner. Durch diese Mischung ist die Schau eine nette Ergänzung zu Wirkkalas Ernst.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung, Autor: Jens Kassner)

Tapio Wirkkala. Finnisches Design – Glas und Silber.
bis 3. Oktober
Freunden sei Dank! 25 Jahre Schenken und Fördern
bis 25. September
Grassi Museum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5-11
Di-So 10-18 Uhr

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