Dokumente aus einer ziemlich breiten Nische Harald Kirschner hat kirchliches Leben in der DDR fotografiert

Für westdeutsch Sozialisierte müssen diese Fotos eine Überraschung sein. So bekennt Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt, dass er beim ersten Betrachten meinte: Das kann doch nicht sein! Aber auch für viele ehemalige DDR-Bürger ist es sicherlich eine Auffüllung von Gedächtnislücken.

Kirchen diverser Konfessionen wurden im offiziell atheistischen Arbeiter- und Bauernstaat nicht gerade geliebt und gefördert, doch es gab sie. Manchmal, wie zum Luther-Jahr 1983, nutzte die Partei- und Staatsführung religiöse Ereignisse sogar für eigene Zwecke aus. Oder sie ließ eben die Nische zu.

Harald Kirschner: Grundsteinlegung des katholischen Gemeindezentrums St. Martin, Leipzig-Grünau, 1983. Bildquelle: MdbK

Harald Kirschner: Grundsteinlegung des katholischen Gemeindezentrums St. Martin, Leipzig-Grünau, 1983. Bildquelle: MdbK

Harald Kirschner hat nach einer Fotografenlehre von 1968 bis 1973 an der HGB bei Sieghard Liebe studiert, dann an der Akademie selbst unterrichtet. Er ist in einer katholischen Familie aufgewachsen, bezeichnet sich auch heute als Gläubigen, hat aber einen kritischen Abstand zur Institution Kirche. Als Thema für seine Bilder kam das Christsein im Sozialismus Ende der 1970er Jahre für ihn auf, als er den Besuch von Papst Johannes Paul II. in seiner polnischen Heimat miterlebte. Fortan hielt er nicht nur herausragende Ereignisse, sondern auch den Alltag von Christen im Osten mit der Kamera fest.

Es gibt Einzelbilder, die ganz für sich stehen. So etwa das Kruzifix am Straßenrand unter zwei mächtigen Bäumen im Eichsfeld, jener erzkatholischen Insel in Thüringen. Oder das Zimmer eines Jugendlichen in Leipzig, in dem neben Bildern von Motorrädern und Autos auch Zeitungsausschnitte über den Papst und Sticker mit aufmüpfigen Parolen wie „Frieden schaffen ohne Waffen“ kleben. Bevorzugt hat der Fotograf aber Serien. Dabei wechseln Totalen, die erstaunliche Menschenmassen zeigen, mit intimen Randbeobachtungen. Manchmal entsteht dabei eine Art von Zufallshumor. Grotesk wirkt es, wie der Bischof in vollem Ornat durch die Ödnis der Großbaustelle Grünau schreitet, um den Grundstein für den Neubau von St. Martin zu legen. Noch skurriler ist das Bild einer Leidensprozession am Palmsonntag 1981 in Heiligenstadt, wo man an einer Schaufensterscheibe lesen kann: „Vorwärts zum X. Parteitag!“

Es ist die Mischung, die den Reiz der Bildreportagen ausmacht. Da gibt es Aufnahmen, die Anfänge einer oppositionellen Friedens- und Umweltbewegung unter dem Dach der Kirche dokumentieren. Daneben stehen Szenen unbeschwerter Freizeitgestaltung in kirchlichen Einrichtungen. Und eben die Großereignisse wie das Katholikentreffen 1987 in Dresden mit Tausenden Teilnehmern. Da wo politische Repräsentanten zu sehen sind, darunter auch westliche wie Richard von Weizsäcker, haben die Fotos häufig den Charakter eines nüchternen Festhaltens von geschichtlichen Daten. Viel lebendiger sind dagegen die kleinen Geschichten abseits des offiziellen Geschehens. Zwei Ordensschwestern zücken ihre Fotoapparate, Teilnehmer einer Veranstaltung im Freien schützen sich vor dem Platzregen, eine Frau mit Mikrofon in der Hand tanzt ausgelassen mit einem Afrikaner.

Harald Kirschner (3.v.l.) beim Presserundgang zur Ausstellung

Harald Kirschner (3.v.l.) beim Presserundgang zur Ausstellung

Wie viele Meisterfotografen des 20. Jahrhunderts beherrscht es Harald Kirschner, gerade in Momenten, wo es auf Schnelligkeit am Auslöser ankommt, den sicheren Blick für die Bildkomposition zu behalten. Im Zusammenhang mit der Wahl des Ausschnittes und sorgfältiger Arbeit in der analogen Dunkelkammer entstehen so kleine Kunstwerke, die an der Museumswand gleichermaßen wirken wie in einer Zeitschrift. In Leipzig gehört Harald Kirschner mit dieser Art des Fotografierens, die ganz nah dran ist am Alltag, zu einer einst starken, jetzt aber versiegenden Tradition. An der HGB spielt sie in der Lehre keine nennenswerte Rolle mehr.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung)

Harald Kirschner. Credo. Kirche in der DDR
Museum der bildenden Künste, Katharinenstraße 10
bis 28. August, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

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