Plätschern in dunkler Galle Kaum Heilungschancen von der kapitalistischen Melancholie diagnostiziert Halle 14

Bei Dürer hat die Melancholie noch nichts Depressives an sich. Gedankenversunken sitzt der Engel inmitten von Symbolen wissenschaftlichen, handwerklichen oder künstlerischen Schöpfertums, einen Zirkel haltend. Ein halbes Jahrtausend ist seit der Renaissance vergangen, die nicht nur in der Kunst, mehr noch in der Ökonomie einen epochalen Wandel darstellte. Der Geist der Rationalisierung kam zur Welt. Heute erweist sich die dem Begriff zugrunde liegende Ratio, die Vernunft, unübersehbar als das genaue Gegenteil.

Die Capitalist Melancolia des 21. Jahrhunderts, die in der neuen Ausstellung der Halle 14 thematisiert wird, hat krankhafte Züge. Es wird eine allumfassende gesellschaftliche Erschöpfung beschworen. Das Prinzip Hoffnung des Leipziger Philosophie-Professors Ernst Bloch scheint erstmals in der Menschheitsgeschichte nicht mehr zu gelten.

Installation von CHTO

Installation von CHTO

Manche der versammelten Arbeiten von neun Künstlern oder Kollektiven sind analysierender oder zumindest beschreibender Art. In einem Guckkasten läuft ein Mann im Hamsterrad, das die Form einer Sägescheibe hat. Gregory Barsamians Konstruktion nutzt technische Prinzipien aus der Pionierzeit des Films, korrespondiert aber inhaltlich mit Chaplins „Modern Times“ – das Räderwerk der Maschinerie als Metapher des Zermalmens von Individualität. Insofern erscheint es historisch unkorrekt, wenn in den der Ausstellung beigegebenen Essays die Beschleunigung als ein Phänomen der letzten drei oder vier Jahrzehnte dargestellt wird.

David Maisel zeigt beeindruckende Bilder. Es könnten abstrakte Gemälde sein. Doch es handelt sich um Luftaufnahmen, unter anderem von Seen in Bergbaugebieten. Die berückende Schönheit schlägt um in Entsetzten, weiß man um die Inhalte der Fotos. „The Forest“ nennt sich eine von Maisels Serien. Auch der Sehnsuchtsort der deutschen Romantik ist zur Ödnis verkommen.

Es ist nicht die einzige Anspielung auf diese frühen Kapitalismuskritiker. Bei Guido van der Werves Video muss man unwillkürlich an Caspar David Friedrichs „Gescheiterte Hoffnung“ denken. Der Künstler läuft über polares Packeis, verfolgt von einem gewaltigen Eisbrecher, der beängstigende Geräusche verursacht. Das Monstrum holt ihn nicht ein, dennoch ist auch dieser Wettlauf so etwas wie ein Hamsterrad.

Andere Exponate erkunden Möglichkeiten des Widerstandes, häufig aber aus der Perspektive einer Vergeblichkeit. Orange leuchtet eine große Stoffbahn in der Sonne. Daran haben Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova Schnüre befestigt, an deren Ende sich Fäuste ballen – am Boden liegend. Von dem Duo stammt auch ein schicker Hugo-Boss-Mantel. Das Innenfutter ist mit punkigen Aufnähern tapeziert. Der Aufstand wird nach innen verlegt.

Mitkurator CHTO aka Camille de Toledo hat mehrere Werke beigesteuert. Ein Zufallsgedicht auf Grabplatten ebenso wie eine recht plakative Wolke von Boxhandschuhen. Sehr aktuell sind seine Panama Papers. Er spielt mit der Mehrdeutigkeit solch eines rasch verbreiteten Begriffs, weist darauf hin, dass auch Kunstwerke in mittelamerikanischen Zollfreilagern der Steuervermeidung dienen, man auf Papier aus Panama aber ganz gut zeichnen kann.

Ziemlich gemütlich wirkt eine Ecke der Halle, in der man in Bücherregalen stöbern und sich auf Matten oder Sitzsäcken niederlassen kann. Von der Decke hängende Skizzenbücher laden zum Hinterlassen von Meinungen, Zitaten oder Zeichnungen ein. Gerade hier, wo die Hölle zum Wohnzimmer wird, blinkt so etwas Ähnliches wie die Vision eines Trotz alledem! auf.

Ermutigung ist dennoch kein Grundzug der Ausstellung. Die heutige Melancholie hat das Schöpferische verloren, ist nach Meinung der Beteiligten unheilbar pathologisch geworden. Stillstehen in der Hektik ist ein künstlerischer Akt, kaum bemerkt von den Vorbeieilenden, hat aber keine subversive Kraft mehr.

Die Beerdigung des Prinzips Hoffnung mag den Pomp eines Staatsbegräbnisses an sich haben, trägt aber zugleich zynische Züge in sich. Wenn der Zug nicht mehr zu stoppen ist, warum dann nicht gleich hübsche Bilder malen und vom Erlös auf einer gerade noch antikapitalistischen Karibikinsel in der Pause zwischen zwei eisgekühlten Cuba Libre wunderbar gepflegte Oldtimer aufkaufen?

Capitalist Melancolia
Halle 14, Spinnereistr. 7
bis 7. August, Di-So 11-18 Uhr
Symposium-Performance „A Government of Times“ am 27. und 28. Mai

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *