Das Kapital anknabbern Sharon Kivland setzt in der HGB die Politische Ökonomie in Szene

Zunächst sieht es ein bisschen nach Naturkundemuseum aus. Präparierte Tiere dominieren den optischen Eindruck – Füchse, Eichhörnchen, Marder. Doch schon die roten Mützen, die manche tragen und auch die Textilteile oder Bücher, die anderen beigeordnet sind, verdeutlichen, dass es sich nicht um eine weitere Arbeit aus dem Grenzbereich von Kunst und Naturwissenschaft handelt. Wissenschaft spielt durchaus eine Rolle, doch nicht die Zoologie, sondern die Politische Ökonomie in der Tradition von Karl Marx.

Sharon Kivland "the natural forms part 3", Bildquelle: HGB Leipzig

Sharon Kivland „the natural forms part III“, Bildquelle: HGB Leipzig

Sharon Kivland, von der diese schon in Berlin und Cottbus gezeigte große Installation mit dem sehr langen Titel stammt, ist kosmopolitische Engländerin, geboren in Deutschland, lebend in Lonon und der Bretagne. Studiert hat sie am renommierten Goldsmith College der britischen Hauptstadt, in der auch Marx den größten Teil seines theoretischen Werkes geschaffen hat.

Neben den Tieren und Textilien fügt Kivland eine Vielzahl differenzierter Elemente und Ausdrucksmittel zusammen, Fotos, Texte, Zeichnungen. Großformatig aufgezogene Fotos von leicht bekleideten Damen sind französischen Modezeitschriften entnommen. Sie kehren nochmals wieder in den Innenseiten von Faltblättern auf dem rosafarbenem Papier der Financial Times, die außen mit Absatzüberschriften aus dem Kapital getarnt sind und stapelweise auf Sockeln sich türmen, zum Teil mit roten Bändchen umschnürt. Auch die Handzeichnungen Sharon Kivlands erinnern an Modeentwürfe. Mit betont kindlich krakeliger Schrift hingegen schreibt sie ökonomische Überlegungen auf vergilbtes Kästchenpapier aus Schulheften. Gleich dreifach hat sie ein Zitat in großen Lettern an eine Galeriewand gehängt. Es weist darauf hin, dass selbst im tiefgläubigen 12. Jahrhundert auf den französischen Marktplätzen Frauen zur angeboteten Handelsware gehörten.

Diese Aussage soll offensichtlich keinesfalls in der Vielzahl von Objekten übersehen werden. Tatsächlich liegt darin der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Arbeit. Nun ist die Erkenntnis, dass im Kapitalismus alles zur Ware werden kann, darunter der menschliche Körper, nicht all zu originell und allgemein bekannt.

„The natural forms“ wurde von der Künstlerin mit großem Einsatz der Mittel und Gespür für die ästhetische Wirkung der Bestandteile komponiert. Doch so interessant das Ganze auf den Betrachter wirkt, darf man bei der Themenwahl nicht allein innerkünstlerische Kriterien zur Bewertung heranziehen.

Kapitalismuskritik ist gegenwärtig auch im Kunstbetrieb erneut im Kommen, es gibt gute Gründe dafür. Ein Grundwiderspruch dabei ist, dass auch die Werke selbst Waren sind und die Künstler als Verkäufer auftreten müssen. Ob es sich bei Sharon Kivland aber überhaupt um Kritik an den allumfassenden politökonomischen Verhältnissen handelt, kann in Frage gestellt werden. Der simple Verweis auf das Hauptwerk von Marx ist noch kein Schritt zur Interpretation, es bleibt beim bloßen Illustrieren, auch wenn dies sehr gekonnt passiert. Letzlich könnte es sich bei der Rauminstallation auch um die extravagante Ausstattung eines hochpreisigen Bekleidungsgeschäftes handeln. Damit würde sich die vermeintliche Kritik in genussvolle Affirmation des Verhökerns von Allem und Jedem verwandeln.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung, Autor: Jens Kassner)

Sharon kivland. the natural forms part III. the tracts. readers and liseuses. mademoiselle la merchandise. other works.
Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstr. 11
bis 25. Mai, Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr

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