Backstage zum Kaffeekränzchen Ein lebhafter Literaturkenner porträtiert einen ruhigen Maler

Was der MDR-Literaturredakteur Michael Hametner zuerst mit Sighart Gille erprobt hat, setzt er nun mit dessem einstigen Schüler Matthias Weischer fort. Er porträtiert den Künstler in einer Serie von Gesprächen. Interviews sind das nicht. Vielmehr handelt es sich um ein lockeres Umkreisen von Themenbereichen, die er jeweils durch ein Zitat, zumeist auch von Künstlern stammend, einleitet. Angereichert durch ausführliche Bildstrecken kommt schließlich ein Buch heraus, das weder Biografie noch Monografie ist, und dennoch eine Persönlichkeit darstellt.

Die Methode hat Raffinesse. Hametner ist schließlich kein Experte für Bildende Kunst, kann sich auf die Unschuld des so neugierig wie naiv Fragenden berufen. Doch selbstverständlich hat er sich intensiv mit der Materie beschäftigt.

Bildquelle: Mitteldeutscher Verlag Halle

Bildquelle: Mitteldeutscher Verlag Halle

Matthias Weischer gehört zu den international bekannten Stars der Neuen Leipziger Schule, auch wenn er nicht die Strahlkraft eines Neo Rauch hat. Das mag an seiner thematischen Beschränkung liegen. Von Architekturen ist er zu Interieurs übergegangen, von da zur Landschaft. Im Buch erfährt man aber, dass ein weiterer Wechsel, der zur menschlichen Figur, zu erwarten ist. Er erzählt keine kryptischen Geschichten wie manche seiner malenden Leipziger Generationsgenossen. Vielmehr schafft er die Bühnenbilder, in denen sich solche Dramen abspielen könnten. Tatsächlich hat er mehrfach als Szenograf gearbeitet, auch wenn er bekennt, kein Theatergänger zu sein.

Nur ganz zu Beginn hat das Frage-Antwort-Nachfrage-Spiel chronologischen Charakter. Weischer, 1973 geboren, erzählt über die Kindheit im westfälischen Nest Elte als jüngster von fünf Brüdern in einer Familie, in der Langstreckenlauf eine größere Rolle spielte als Museumsbesuche. Und er erklärt, dass es ihn über die Stationen Greifswald und Berlin nach Leipzig verschlagen hat, weil hier schon einer der Brüder lebte. Zufall also, nicht unbedingt der Ruf der HGB als Schule für traditionelle Malerei. Ohnehin fiel in seine Studienzeit der erste Versuch, diese Linie zurückzudrängen. „Die Vertreter der Neuen Medien hatten ihr den Kampf angesagt, wollten den Platz selbst.“

Hametner gibt naheliegende Themen vor wie die Bedeutung von Preisen auf dem Kunstmarkt, aber auch weniger offensichtliche wie Einsamkeit oder Zweckdienlichkeit. Weischer erzählt, dass der LVZ-Kunstpreis, den er 2005 erhielt, für ihn große Bedeutung hatte, auch wenn er durch die Produzentengalerie LIGA schon überregional bekannt geworden war und mit nur 32 Jahren bei einer Auktion von Sotheby´s ein Rekordergebnis erzielte.

Er ist ein stiller Mensch, der trotz des Erfolges immer wieder an sich zweifelt. Gegen Hametners wortgewaltige Einlassungen wirken seine Auskünfte zurückhaltend. Etwas nervend ist, dass der Frager immer wieder Parallelen zu seinem eigentlichen Fachgebiet, der Literatur und deren Verbreitung, hervorkitzeln will. Weischer antwortet zuweilen mit einem trockenen Nein.

Es kommt eine Momentaufnahme eines Künstlers heraus, der (hoffentlich) noch in der Mitte seiner Karriere steht, nebst den notwendigen Rekapitulationen des bisherigen Weges. Der Eindruck des Unabgeschlossenen wird verstärkt durch das letzte Kapitel, in dem Michael Hametner die Veränderungen eines in Arbeit befindlichen Bildes im Laufe der Gesprächstermine beschreibt.

Trotz mancher Längen erweist sich die Herangehensweise als brauchbar, gerade auch im Zusammenhang mit dem ersten Buch zu Gille. Die redundanten Stellen tragen dazu bei, die jeweilige Person lebendiger – um nicht authentisch sagen zu müssen – darzustellen. Das Experiment ist gelungen, eine Fortsetzung erscheint ausgesprochen wahrscheinlich.

Michael Hametner
Auf der Bühne. 15 Gespräche – Ein Porträt des Malers Matthias Weischer.
Mitteldeutscher Verlag Halle 2016. 240 Seiten, 24,96 €

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