Wechsel der Blickrichtung Céline Germès und Florian Rosier in der Galerie Bipolar

In der Galerie Bipolar, die gemäß ihres Namens bevorzugt Paarungen von Künstlern erzeugt, scheint ein Rollentausch im medialen Verständnis stattgefunden haben. Malerei wirkt wie Fotografie, Fotos wie Gemälde. Céline Germès und Florian Rosier sind die gegenwärtig Ausgestellten, beide nach Leipzig zugewandert.

Rosier, der im holländischen Enschede studiert hat, zeigt Tafeln in düsteren Grautönen bis hin zu tiefem Schwarz. Der Angabe, dass es sich um digital ausgedruckte Fotografie handeln soll, kann man schwer glauben. Exakt und hyperrealistisch sind die Motive zwar wiedergegeben, doch auch bei ganz nahem Hinsehen sieht es aus wie sorgfältig gemachte Malerei. All die kleinen Abweichungen, die selbst mit heutiger Technik ein Foto ausmachen, wurden entfernt.

Florian Rosier "o.T."

Florian Rosier „o.T.“

Manche Vorlagen nimmt er aus dem Netz. Luftbilder von Industriegebieten wirken in der abstrahierenden Bearbeitung von fern wie Computer-Platinen.Diese Tafeln nennen sich „absent presence“, die Anwesenheit ist abhanden gekommen. In einer anderen Serie, unbetitelt, warten Menschen in trister Umgebung auf irgendwas. Eine junges Mädchen steht vor einem Plattenbau in Erwartung des Kommenden, das ein Bus sein kann, ein Afrikaner in Anzug wirkt sehr verloren vor einer riesigen Wand mit bröckelndem Putz, ein weiterer Mann ist von gewaltigen Transporttaschen umgeben. Godot kommt nicht, selbst Estragon ist noch nicht da. Und dann noch diese Düsternis.

Dank einer hochentwickelten persönlichen Methode der digitalen Bildbearbeitung schafft Florian Rosier beeindruckende Bildmetaphern einer Verlorenheit in Zeit und Raum. Sie wirken nicht anklagend, sondern nur von einer traurigen Variante der Ungeduld gesättigt.

Dass es sich bei den Bildern der Französin Céline Germès um Malerei handelt, ist offensichtlich. Doch sie benutzt die Ästhetik von Medienbildern, filmisch oder fotografisch. Häufig sind es gefundene Vorlagen, die sie verarbeitet. Einige Bilder sind ganz in hellen Grautönen gehalten, als würde man durch Schleier schauen. In der zarten Tönung stellen sie exakt das Gegenteil von Rosiers dunklen Drucken dar. Die Eliminierung von Details haben sie aber mit den Arbeiten des Kollegen gemein. Eine Flasche Becks wird durch einen Papierpfropfen provisorisch verschlossen, ein poröser Steinquader liegt an der Tischkante neben einem Notizzettel. Belanglose Zufälligkeiten, scheinbar.

Aus der Serie "streets"

Céline Germßes, aus der Serie „Street“

In anderen Malereien kommt Farbe vor. Vom Publikum eines Popkonzertes sind nur die in die Höhe gereckten Hände zu sehen. Ein nebensächliches Detail im Vergleich zum Geschehen auf der Bühne, und doch so bezeichnend. „Street“ heißt eine Serie kleinformatiger Bilder lakonisch. Die nächtlichen Szenen können banal sein, aber ob der Dunst nur aus Gullies steigt oder von Tränengasgranaten zur Auflösung einer revolutionären Zusammenrottung herrührt, ist nicht sicher.

Die Kombination der zwei Sichtweisen in dieser Ausstellung nennt sich „The Other Window“. Der Wechsel der Blickrichtung ist nicht allein auf die künstlerischen Genres bezogen.

Céline Germès und Florian Rosier – The Other Window
Galerie Bipolar, Haferkornstr. 15
bis 29. April, Do-Sa 17-20 Uhr, So 16-19 Uhr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *