Der Kuckuck als Berserker Das MdbK ist um einen umfänglichen Werkkomplex Lutz Dammbecks reicher

Herakles, dieser Überheld, lässt Lutz Dammbeck nicht los. Schon in den siebziger Jahren, als seine Kollegen sich lieber an Ikarus oder Sisyphus abarbeiteten, zog ihn der Recke mit den übermenschlichen Fähigkeiten an. Doch nicht diese etwas differierende Auswahl innerhalb der DDR-Kunst dieser Zeit allgemein beliebten griechischen Mythologie machte Dammbeck zu einer Ausnahmeerscheinung. Speziell in Leipzig, dieser großen Malerwerkstatt, musste er auffallen mit seinem früh ausgeprägten Hang zu multimedialen Konglomeraten. Nicht nur den Kunstinteressierten fiel er auf, auch kunstfernen Staatsorganen. Ohne Segen der offiziellen Institutionen mit einigen Freunden organisierte Projekte wie „Tangente 1“ und der legendäre Herbstsalon 1984 machten ihn zur unerwünschten Person. Doch selbst gegenüber Mitstreitern versuchte er stets die Eigenständigkeit gegenüber der Gruppendynamik zu bewahren. Die fast folgerichtige Ausreise in die BRD 1986 machte ihn mit den Kehrseiten der fast unbegrenzten Freiheit bekannt.

dammbeck

Seit Ende des vergangenen Jahres besitzt das MdbK einen umfangreichen Werkkomplex des 1948 in Leipzig geborenen vielseitigen Künstlers, der an der HGB Buch- und Plakatgestaltung studiert hat. Das „Herakles Konzept“ besteht aus Filmen, Mediencollagen, Notizen, Bildern und anderen Arbeiten. Einen großen Teil des Konvoluts hat er dem Museum geschenkt, manches wurde angekauft. Was mit dem „Kuckucksei“, wie Dammbeck es bezeichnet, in der Zukunft wird, ist noch nicht ganz klar. Jedenfalls sind einige Teile zunächst für mehrere Wochen im Saal der Neuerwerbungen im dritten Stock zu sehen. Doch es gehören eben auch Videos dazu. Das ewige Präsentations-Problem dieser Kunstgattung macht die Erwerbung tatsächlich zu einer Herausforderung. Der neueste Streifen „Overgames“ läuft heute abend im Passage-Kino. Aber eine weitere Rezeption nach persönlichem Gusto ist schwierig. Ob eine Integration von Partikeln des „Herakles Konzeptes“ in die Dauerausstellung erfolgen wird, will Kurator Frédéric Bußmann noch offen lassen, da ja auch ein Wechsel an der Spitze der Einrichtung absehbar sei und damit verbunden eventuelle Neuausrichtungen.

Trotzdem sieht der seit der Ausbürgerung 1986 in Hamburg lebende Lutz Dammbeck hier den richtigen Platz für sein Schlüsselwerk. Leipzig sei nicht nur eine Hochburg der Malerei, sondern auch eine Medienstadt. „Ich versuche immer, die Verfügungsgewalt über meine Produktionsmittel zu behalten.“ Dazu gehört offensichtlich auch die rechtzeitige Regelung des Erbes. Er stehe nicht im Betriebssystem Kunst drin, sagt er, relativiert die Aussage dann aber etwas. Schließlich muss auch ein Künstler, dem die Freiheit besonders wichtig ist, von etwas leben. Das kann Sozialhilfe sein wie in den ersten Hamburger Jahren. Oder eine Professorenstelle in Dresden, die ihn nicht glücklich machte. „Der falsche Mann am falschen Ort.“

So vielfältig die technischen Mittel Dammbecks sind, so beharrlich umkreist er immer wieder bestimmte Themenkomplexe. Als Komplementärerscheinung des ewigen Ringens zwischen Unabhängigkeit und Zwang ist das bei ihm die Auseinandersetzung mit der psychischen oder gesellschaftlichen Paranoia. In „Overgames“ wird sie zum Mittelpunkt des Porträts einer ausgesprochen langlebigen Frau namens Permanente Revolution. Dass er, dem einst konterrevolutionäre Haltungen vorgeworfen wurden, Zuneigung zu dieser Dame entwickelt, gehört weniger zu seinen persönlichen Paradoxen als denen des so genannten real existierenden Sozialismus.

In Peter Weiss´ „Ästhetik des Widerstands“ können die Protagonisten die Figur des Herakles im Pergamonfries nicht entdecken. Diese Suche kennzeichnet das Schaffen Lutz Dammbecks. Er ist nicht Herakles, auch nicht verwandt mit ihm. Doch die Hartnäckigkeit der Beschäftigung mit Kernfragen menschlicher Existenz macht ihn dem Helden ähnlich. Darum ist anzunehmen, dass die Angabe, das „Herakles Konzept“ ende 2014, nicht ganz ernst genommen werden darf.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung)

Filmaufführung „Overgames“ und anschließende Diskussion mit dem Künstler, Passage-Kinos, 23. April, 19 Uhr

Präsentation der Schenkung „Herakles Konzept“ und Künstlergespräch, Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10, 24. April, 11 Uhr

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