Zettls Träume Neue Grafik von Baldwin Zettl in der Galerie Koenitz

Eine unbekleidete Frau räkelt sich auf einem Rasen, dessen Streifenmuster zeigt, dass er kein naturbelassenes Biotop ist. Den Körper dreht sie weg, das offene Gesicht aber dem Betrachter zu. In den Händen hält sie eine Puppe mit Tierkopf. Das erinnert an den verwandelten Klaus Zettel – welch Zufall – aus Shakespeares Sommernachtstraum, der in einer anderen Grafik der Ausstellung zu finden ist, hier als Handelnder.

Die Neigung des Kupferstechers Baldwin Zettl zu literarischen Stoffen ist nicht zu übersehen. Die Auswahl reicht vom englischen Klassiker über Georg Büchner, Carl Orff und Bert Brecht bis zum Expressionisten Jakob van Hoddis. Dass dem braven Bürger in dessen berühmten Weltende-Gedicht der Hut vom spitzen Kopf fliegt, wird in Zettls Stich eindrücklich illustriert. Doch auch da, wo keine direkten Vorlagen benannt werden oder erkennbar sind, geben sich die Blätter erzählerisch. Sogar die Landschaftsausschnitte in den zarten Silberstiftzeichnungen scheinen kleine Geschichten zu verbergen.

Baldwin Zettl "Selbst"

Baldwin Zettl „Selbst“

Baldwin Zettl, der 1969 sein Studium an der HGB abschloss, kann man trotz des Wohnsitzes Freiberg als einen typischen Vertreter der Leipziger Schule bezeichnen. Jener ersten Leipziger Schule, die von den Sechzigern bis Achtzigern des vorigen Jahrhundertes selbst außerhalb der DDR Aufmerksamkeit fand. Das Besondere bei ihm ist aber die Konzentration auf die scheinbar antiquierte Technik des Kupferstichs. Farbe spielt überhaupt keine Rolle. Dass er dem Kupferstich zu neuer Bedeutung verholfen hätte, wäre übertrieben, denn Nachfolger in seiner Arbeitsweise sind schwer zu finden. Jüngere Grafiker bevorzugen eher Radierung, Lithografie oder Holzschnitt. So besetzt er eine Nische.

Baldwin Zettl "hocken /  hängen / heben / hopsen"

Baldwin Zettl „hocken / hängen / heben / hopsen“

Das allerdings tut er auf souveräne Weise. Die Tiefdrucke haben überwiegend einen dunklen Hintergrund aus dichten Lagen von Gravierstrichen. Die arbeitsintensive Umkehrung der Tonalität ist kennzeichnend für seinen Umgang mit dem Medium. Zettl gehört zu den Künstlern, die nach wie vor auf einem fundierten handwerklichen Können in der Kunst beharren und kann dieses Können für sich selbst zu Recht in Anspruch nehmen. Gerade die Beherrschung der Technik erlaubt aber auch Freiheiten. Viele der Protagonisten seiner Grafiken sind nackt, bei aller Neigung zu fein herausgearbeiteten Details aber nicht als Vorlagen für Medizinstudenten geeignet. Die Anordnung der menschlichen Gewebemassen folgt im Interesse der grafischen Wirkung einer ganz eigenen Zettlschen Künstleranatomie, nicht streng der Natur. Besonders auffällig ist das beispielsweise am Zyklus „hocken / hängen / heben / hopsen“. Auch wenn die Alliteration des Titels wieder einmal sehr literarisch anmutet, ist die Darstellung der nackten Frau in den Drucken eine reine Freude an der Wiedergabe des Körpers in eben jener sehr freien Interpretation.

Zettls Stiche sind trotz der bescheidenen Abmessungen keine Kleinkunst. Er ist ein großer Grafiker. Und Träumer.

Baldwin Zettl. Unbestechlich
Galerie Koenitz, Dittrichring 16
bis 4. Juni, Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr

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