Belebtes Holz Neue Arbeiten Jürgen Raibers im Galerie Hotel Leipziger Hof

Leda hat sich hübsch gemacht für den Vogel, wie ihr Gefährte im Bildtitel lakonisch genannt wird. Mit einem stolzen Schwan hat das längliche, dunkle Gebilde neben ihr tatsächlich nicht viel gemein. Sie wird schon wissen, wozu es brauchbar ist. Doch auch der Mann auf dem benachbarten Gemälde hat ein ähnliches vogelartiges Gerät zugeordnet bekommen. Nun wird die mythologische Ausdeutung noch etwas schwieriger. Bei beiden Vögeln scheint es sich eher um Holzschnitzereien als um Lebewesen zu handeln.
Jürgen Raiber liebt das Arbeiten in ausufernden Serien. Bei den neuen Werken, die jetzt im Leipziger Hof zu sehen sind, hat der Puppe als vielfältig wandelbares Thema für sich entdeckt. Auch wenn manche der Bilder private Bezüge wie „Mein alter Kasper“ benennen, geht es weniger um Reminiszenzen an die Kindheit als um die Symbolik und verschiedene Charaktere, für welche Puppen hier stehen. Es sind keine niedlichen und kuscheligen Spielzeuge. Viele machen eher einen düsteren, manchmal sogar beängstigenden Eindruck.

Jürgen Raiber: "Mann mit Vogel"

Jürgen Raiber: „Mann mit Vogel“


Ferne Vorläufer haben sie in Skulpturen, die Raiber vor vielen Jahren fertigte. Er war Mitte der  Neunziger in den Leipziger Südraum gezogen und nutzte ausgediente Schwellen aus den Tagebauen der Umgebung als künstlerisches Rohmaterial. Auch wenn es in der jetzigen Ausstellung keine plastischen Arbeiten gibt, sind in einigen Druckgrafiken solche „Totems“ noch zu sehen, die Überlängung der Gesichter in einigen Bildern erinnert ebenso daran.
Jürgen Raiber wechselnd fließend zwischen den Medien der Bildkunst. An der HGB hat er vor allem Grafik studiert, war dann Meisterschüler bei keinem geringeren als Werner Tübke. Doch ein Jahrzehnt später hängte er noch ein Aufbaustudium beim bekannten Hallenser Bildhauer Bernd Göbel auf der Burg dran.
Als Melancholiker bezeichnet er sich selbst. So heißt auch eines der Blätter. Die zumeist
gebrochenen Farben scheinen diese Haltung auszudrücken. Vor wenigen Jahren, ausgerechnet nach einem Unfall mit Rückenverletzungen, war das anders. Mit der Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit wurde die Palette kräftiger. Die jetzigen Puppen knüpfen in den erdigen Tönen eher an die Schwellen-Menschen der vorherigen Periode an.
Die Überraschung kommt aber, wenn der Besucher ins Untergeschoss des Hotels steigt. Da lernt man eine neue Seite Jürgen Raibers kennen. Die Collagen mit Pinup-Girls aus Hochglanzmagazinen lassen eine politisch unkorrekte Auslegung des Themas Puppen zu. Doch er dekonstruiert die Ablichtungen leicht bekleideter Frauen, setzt sie in neue Kontexte. Dadurch erscheinen sie mehr als Objekte als die eigentlich leblosen Holzpuppen in den anderen Räumen.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung vom 06.04.2016, Autor: Jens Kassner)
Jürgen Raiber, Gegenüber – Malerei, Zeichnung, Grafik
Galerie Hotel Leipziger Hof, Hedwigstr. 1-3
bis 29. Mai, tägl. 10-20 Uhr

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