Die Schönheit eines Frontex-Buttons In der GfZK wird Leon Kahane mit dem Kunstpreis Europas Zukunft 2016 geehrt

Dass Kunst Berge versetzen kann, mag eine Illusion sein. Aber nicht nur Sichtweisen auf die Welt, sondern auch Sichtachsen in Gebäuden kann sie verändern. So wurde für die Preisträgerausstellung zum Kunstpreis Europas Zukunft der Gitterboden aus der ersten Etage des Altbaus der GfZK tiefergelegt. Damit sind Durchblicke vom zentralen Saal auf die oberen Kabinette möglich.

Verknüpfungen sind Leon Kahane offenbar wichtig, aber auch Unterscheidungen. Der Preis ging vor zwei Jahren an die Dagestanerin Taus Makhacheva. Die Grenzen des im Namen des Preises benannten Kontinentes wurden damit sehr weit ausgelegt. Nun gehen die Auslober noch einen Schritt weiter.

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Leon Kahane ist Deutscher. In der Laudatio wurde gar betont, dass er ostdeutsch sozialisiert sei. Doch er ist auch Jude. Als der Redner sich in seiner Aussage, Kahane lebe überwiegend in Israel, nicht ganz sicher war, machte dieser eine mehrdeutige Geste. Identitäten, Zuordnungen, Einsortierungen sind wieder einmal überraschend wichtig geworden. Für Leon Kahane ist das ein Kernpunkt seiner Arbeit, zugleich unterwandert es der ostdeutsch-israelische Europäer subtil.

Zur Vernissage gibt es israelische Speisen und Getränke. Im oberen Ausstellungssaal wachsen sogar zwei Weinreben der Sorten Dabouki und Baladi unter violett strahlenden Gewächshauslampen. Das sieht zunächst nach hedonistischer Freude am Leben aus. Oder zumindest nach einem: Trotzdem!

Für Israel ist das Thema Migration seit der Neugründung des Staates und auch davor ein existenzielles Thema. Ebenso die wacklige Balance von Freiheit und Sicherheit. Die Mitteleuropäer müssen nach eine langen Phase realtiver Stabilität erst wieder lernen, damit täglich umzugehen.

Altvertraut ist uns aber das Michelin-Männchen Bibendum auf der wandhohen Malerei. In der „We want you!“ Pose des Uncle Sam zeigt es auf den Betrachter. Der Michelin-Guide, heute vor allem für die Schnitzeljagd von Gourmets bekannt, diente 1945 GIs als Kartenmaterial im fremden französischen Terrain. Der Ausstellungstitel „For official use only“ ist den Aufdrucken dieser Landkarten entnommen. Außerdem liegt ein Fallschirm im Raum, ein Monitor zeigt Besucher einer zeitgeschichtlichen Exposition. Was hat das miteinander zu tun? Die erschreckende Ähnlichkeit aktueller und historischer Schlagzeilen erinnert an Marx´ berühmtes Zitat aus dem 18. Brumaire, dass sich Geschichte wiederhole, das zweite Mal allerdings als Farce.

Neben den lebensfrohen Weinstöcken im Obergeschoss steht in diesem Raum vor allem die ästhetische Dimension des Grauens im Mittelpunkt. Eine Überwachungskamera thront auf einem Sockel wie ein wertvoller Preis für erfolgreiche Künstler. Der Frontex-Button auf dem schicken Sakko sieht aus wie das Label einer teuren Modemarke. „Not for everybody“ – klingt Bruno Bananis Slogan nicht fast so wie „For official use only“? Schon die Bezeichnung Frontex suggeriert Ausgrenzung, Exklusivität im Klub der Privilegierten.

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Ein hübscher Blumenstrauß steht auf einer Durchleuchtungsschleuse. Weiße Lilien, Symbole der Unschuld, dominieren ihn. Und der Situation Room der sogenannten Agentur für operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen sieht mit den riesigen Aggregaten von Bildschirmen aus wie eine technologisch aufgerüstete Wetterwarte, die Bewohner von Zyklonen und anderen Gefahren rechtzeitig warnen soll.

Der Preis mit dem bezeichnenden Namen „Europas Zukunft“ wird von der IT-Firma Alpha 2000 finanziert. Es mag paradox anmuten, dass die Wirtschaft heute mehr Interesse an politisch engagierter Kunst hat als die offiziellen Institutionen der Gesellschaft selbst und auch die Masse der Bevölkerung. Dieses Bild wird relativiert, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Ökonomie von Offenheit mehr profitiert als sonstwer.

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Preisverleihung an Leon Kahane (2. von links)

Leon Kahane bietet keine Rezepte an. Er stellt vor allem Fragen. In einer Zeit, in der all zu simple Lösungsvorschläge für komplexe Probleme großen Anklang finden, ist aber schon das ungläubige Nachfragen eine Herausforderung so wie das Eröffnen neuer Blickbeziehungen.

(Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung am 04,04,2016, Autor Jens Kassner)

Kunstpreis Europas Zukunft 2016
Leon Kahane – For official use only
Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11
bis 3. Juli, Di-Fr 14-19, Sa/So 12-18 Uhr

3 Gedanken zu “Die Schönheit eines Frontex-Buttons In der GfZK wird Leon Kahane mit dem Kunstpreis Europas Zukunft 2016 geehrt

  1. Ist es schick für einen jungen Fotografen sich Künstler und Juden zu nennen?

    Jüdisch ist, wer Kind einer jüdischen Mutter ist. Das Religionsgesetz, die Halacha ist da eindeutig. Allein auf die Mutter kommt es an. Herkunft und Glauben des Vaters sind irrelevant. Deshalb gelten Menschen mit jüdischem Vater und nichtjüdischer Mutter – „Vater-Juden“, nach einem 1995 von Andreas Burnier geprägten Begriff – nicht als ihresgleichen. Selbst das Reformjudentum hält sich an diese Regel.

    Quelle: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/6317

    Eine umfassende Recherche und ein fundiertes Interview hätten diesem Artikel einen gebührenden als auch kritischen Zwischenton gegeben. Ich rege dazu ostentativ an.

  2. Dass sich „jüdisch“ über die mütterliche Linie definiert, ist mir bekannt. Ich kenne nicht genau die Familienverhältnisse von Leon Kahane, gehe aber davon aus, dass es bei ihm der Fall ist. Meines Wissens ist das wohl auch eine Voraussetzung, die israelische Staatsbürgerschaft zu bekommen.
    Ihre Frage, ob es schick sei, sich als Juden zu bezeichnen, werde ich nicht stellen. Ich musste selbst schon die Erfahrung machen, dass solche eigentlich harmlosen Fragen sofort als Antisemitismus gebrandmarkt werden.

  3. Pingback: Respektor 14/2016 | Kunstszene Leipzig

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